David Rheinberger berichtet über die Entwicklungen in der Vaduzer Pfarrgemeinde


Brief von David Rheinberger an Franziska Rheinberger:

Vaduz, 29. 1. 1873.

Liebe Schwägerin!

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Aus Deinen Briefen geht hervor, dass Kurt noch sehr häufig Rückfälle hat, wenn sie nur nicht blutend werden! Sonst könnte er in den Fall kommen, die Morphiumspritzen immer bei sich im Sack herumtragen zu müssen. Mit der Oper geht es doch auch verzweifelt langsam, wenn der Sanger sein Halsweh verloren hat, wird wohl eine Sängerin etwa in's Kindbett kommen u.s. vorwärts. Vielleicht, dass dann Kurt so weit hergestellt ist, dass er der ersten Aufführung auch beiwohnen kann.

Auf Deine wiederholte freundliche Anfrage wegen der Paramente bin ich offen gestanden in der grössten Verlegenheit, wie ich Dir mittheilen soll, wie mich Hofkaplan Fetz [1] über den Löffel barbirt u. hintergangen hat, um die Paramente, die wir anschaffen müssen, zwei Messgewänder u. zwei Pluviale bei einem Paramentenfabrikanten aus der Gegend von Lindau, der bei der hiesigen ultramontanen Geistlichkeit Hahn im Korb ist, machen zu lassen. /…/

Wahrscheinlich hat er mir das ganze zu leid gethan, weil ich ihn nicht unterstützt habe, als er schon länger her Bestellungen machen wollte, die man aber zurückhielt, weil man nicht wusste, was man von der fürstl. Familie noch zu gewärtigen hatte u. unnütze Ausgaben bei den knappen Geldmitteln vermeiden wollte. Wir haben auch nicht umsonst gewartet, denn man hat uns 1 weisses & 1 violettes Messgewand, dann eine Monstranz, 1 Ciborium, 1 Feiertagskelch, 1 Rauchfass u. Schiffchen mit Messkännchen bis zur Einweihung der Kirche in Aussicht gestellt.

Ich glaube wenn ich durchgesetzt hätte, die Paramente in München machen zu lassen, Fetz sie nachher gehörig ausgeschimpft hätte, denn er ist jetzt so nörgelnd u. affig wie ein kranker Aff, dann kommt noch dazu, dass die andern Mitglieder dieses Comités [2], mit Ausnahme des Pfarrers [3], von dieser Sache so gut wie nichts verstehen und Pfarrerist jetzt butznärrisch, mit dem ist nichts mehr anzufangen, auch ist er am letzten Donnerstagabend durchgebrannt u. wird wohl nicht mehr kommen. Er hatte schon im letzten Herbst einen derartigen Anfall, erholte sich aber bald wieder, noch bevor man Schritte gegen ihn unternahm. Auch jetzt hat man eigentlich in allen Narrheiten ihn gewähren lassen, weil er noch nicht bösartig war. Seine Manie besteht darin, dass er glaubt, er hätte das Recht zum Heirathen wie andere Leute, aber Pabst u. Bischof hindern ihn daran, er hat aber bereits beim Pabst eine Reklamation dagegen eingereicht. Zuletzt wurde er unsicher für seine Nachbarschaft und die Personen, die mit ihm zu verkehren hatten u. als er am letzten Sonntag hörte, dass seine Anverwandten ihn aufheben wollten, hat er sich von hier entfernt und ist am Dienstag wieder in Chur aufgetaucht. Unter vernünftiger Behandlung glaube ich, dass er sich bald wieder erholen würde. Hoffentlich aber kommt er doch nimmer nach Vaduz, obwohl wir nicht wissen, was nachkommt, die Auswahl ist jetzt sehr schwierig. Die meisten sind dumm und fanatisch, möchten ihre geistige Armuth durch parforcirte u. gleissnerische Frömmigkeit verdecken.

Letzten Freitag wurden unsere Glocken gegossen u. dürften etwa Mitte kommenden Monats hier eintreffen. Kirchen- u. Beichtstühle sind vorige Woche von Wien angekommen, werden aber erst später aufgestellt. Sie sind ganz, mit Ausnahme der Fussböden, von Eichenholz. Das Ausmalen ist noch unentschieden, ob u. wann. Der Hochaltar soll fertig sein u. vielleicht auch in einigen Wochen ankommen. Nur immer langsam voran u. Geduld nicht verloren! /…/

Mutter ist vorgestern Abend über eine Stiege im Dunkeln hinuntergefallen. Sie geht aber herum. /…/

1000 Grüsse an Kurt. Leb wohl.

David /Rheinberger/.

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[1] Vgl. den Brief von Fanny Rheinberger an Johann Peter Rheinberger vom 01.03.1871, Fussnote 5.
[2] Vgl. den Brief von Rheinberger an seinen Bruder David vom 25.06.1872, Fussnote 5.
[3] Dr. Florin Decurtins (1828-1873). Da Vaduz erst 1873 eine selbstständige Pfarrei wurde, ist die Bezeichnung "Pfarrer" hier falsch. Decurtins war Kurat. "Infolge einer habituellen Geistesstörung wurde er für seine Pastoration untauglich... und musste (1873) amtlich entfernt werden."